Die Tafeln von Chartres sind weit mehr als ein optisches Experiment oder eine alte Symbolübung – sie sind ein Weg der Selbsterkenntnis, ein Pfad zur inneren Heilung und Bewußtwerdung des eigenen Wesens. Wer sich ernstlich auf diesen Weg begibt, begegnet nicht nur einem geometrischen Muster, sondern dem Spiegel seines eigenen Geistes. Jede Form, jede Linie, jeder Punkt trägt in sich die Sprache des Kosmos; sie spricht zu jenem Teil in uns, der längst vergessen hat, daß er selbst aus göttlicher Ordnung geformt ist.
In einer Zeit, da die Welt rastlos geworden ist, da das Denken zersplittert und das Herz im Lärm des Alltages verklingt, schenken uns die Tafeln von Chartres einen Weg zurück in die Mitte. Sie lehren uns das rechte Sehen – nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Bewußtsein. Wer regelmäßig mit diesen heiligen Formen arbeitet, schult nicht nur seine Wahrnehmung, sondern öffnet Tore der inneren Klarheit, Harmonie und Selbstheilung. Der Blick, der einst nach außen strebte, kehrt in die Tiefe zurück – und dort, in dieser Stille zwischen den Formen, beginnt wahre Erkenntnis.
Die Tafeln von Chartres – Ursprung und Bedeutung
Die Kathedrale von Chartres wurde auf einem alten druidischen Kraftplatz errichtet, lange bevor das Christentum dort Fuß faßte. Unterhalb der Krypta befindet sich ein uraltes Heiligtum der Jungfrau der Tiefe („Virgo Paritura“) – Symbol der ewigen Gebärmutter der Welt, der Schöpfungskraft selbst. Im Mittelalter war Chartres eines der Zentren der esoterischen Kathedralschulen. Dort lehrten Meister wie Bernard von Chartres, Thierry von Chartres und Alain von Lille, daß göttliche Erkenntnis nicht durch Glauben, sondern durch harmonische Schau der Formen erlangt werde. Die Tafeln von Chartres dienten dabei als Übungsinstrumente, um Geist, Auge und Herz zu vereinen.
Die Übung mit den zwei Punkten, die zu einem werden, war eine zentrale Praxis: Sie stand sinnbildlich für die Vereinigung der Polaritäten – links und rechts, männlich und weiblich, hell und dunkel – in der Mitte, im Punkt der Einheit. Der Punkt, der durch den Blick entsteht, wenn beide Augen auf zwei verschiedene Punkte gerichtet sind und sich ihr Fokus vereint, ist das innere Auge – das Auge des Herzens, das die Welt jenseits der Dualität wahrnimmt.
Die Übung – Schritt für Schritt
- Vorbereitung
Setze dich ruhig hin, atme einige Male tief und gleichmäßig. Fühle, wie dein Körper im Raum ruht.
Lege vor dich ein Blatt oder eine kleine Karte, auf der du zwei Punkte im Abstand von etwa 6–8 cm zueinander zeichnest (schwarz oder blau, klar erkennbar). - Der Blick
Richte beide Augen so aus, daß jedes Auge einen Punkt fixiert – das rechte Auge auf den rechten, das linke auf den linken Punkt.
Bleibe ruhig.
Nach kurzer Zeit wird dein Sehen beginnen, sich zu verändern: Aus den beiden Punkten wird ein dritter, mittiger Punkt entstehen – manchmal schwebend, manchmal leicht leuchtend oder vibrierend. - Der Finger
Nun führe deinen Zeigefinger langsam zwischen Auge und Papier, etwa auf halber Distanz, und ziehe ihn langsam in Richtung deiner Nasenspitze.
Beobachte, wie der mittlere Punkt lebendiger, klarer, manchmal pulsierend wird – als würde er „atmen“.
Lasse deinen Atem sanft fließen; vermeide Druck. - Die Wahrnehmung der Einheit
Halte den Fokus nicht mit Zwang, sondern mit Sanftheit.
Wenn der mittlere Punkt stabil erscheint, spüre: Es ist nicht mehr das äußere Auge, das sieht – es ist das innere Sehen, der Moment, in dem die Polarität aufgehoben wird.
Viele empfinden dabei Wärme zwischen den Augen, einen Zug nach innen oder ein leichtes Pulsieren im Herzen. - Abschluß
Schließe die Augen.
Fühle den Nachhall der Übung in dir – Stille, Zentriertheit, Frieden.
Verweile einige Minuten in dieser Empfindung.
Der Beginn mit den drei Kreisen
Wie in allen heiligen Wissenschaften geht auch in Chartres der Weg vom Einfachen zum Komplexen. Man beginnt nicht sogleich mit allen geometrischen Formen, sondern mit den drei Kreisen – Sinnbilder der Einheit, der Dualität und des entstehenden Dritten, der schöpferischen Mitte. Diese drei Kreise stehen für Körper, Seele und Geist, für Himmel, Erde und Mensch – und bilden den Grundton des Ganzen.
Zu Beginn ist es wesentlich, nur mit diesen Kreisen zu arbeiten, da sie den Geist sanft an das neue Sehen heranführen. Das Auge lernt, sich zu entspannen, das Denken löst sich aus seiner Starrheit, und das Bewußtsein erfährt allmählich, daß Ordnung und Bewegung ein und dasselbe sind. Erst wenn diese innere Ruhe erreicht ist, wenn die beiden Augen gelernt haben, das Unsichtbare zwischen den Linien zu erkennen, ist der Mensch bereit, die weiteren Formen – Dreieck, Quadrat und Punkt – in die Übung einzubeziehen.
Die drei Kreise sind somit die elementare Vorbereitung, das Tor zur Schau. Sie öffnen die Sinne, reinigen den Geist und schaffen die Grundlage, auf der alle weiteren Stufen der Tafeln von Chartres aufbauen. Wer geduldig mit ihnen arbeitet, wird mit jedem Tag ruhiger, klarer und lichtvoller – bis das Auge der Seele erwacht und das innere Licht zu leuchten beginnt.
Der Sinn der Übung
Diese einfache, aber tiefwirkende Praxis ist kein optischer Trick – sie ist eine Initiation der Wahrnehmung. Sie lehrt dich, daß wahres Sehen nicht im Dualen geschieht, sondern in der Mitte. Das Verschmelzen der beiden Punkte zu einem ist eine bildhafte Wiederherstellung der Einheit zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, männlicher und weiblicher Energie, Logik und Intuition.
In der Esoterik von Chartres galt dies als Akt der Wiedervereinigung der Seele mit dem Einen. Der Blick, der zwei Punkte zu einem macht, ist der gleiche Blick, der Himmel und Erde in dir versöhnt. Physiologisch harmonisiert er die Gehirnhemisphären, stärkt die Zirbeldrüse und beruhigt das vegetative Nervensystem. Energetisch öffnet er das Ajna-Zentrum (Stirnchakra), geistig weckt er die Fähigkeit, das Unsichtbare im Sichtbaren zu erkennen.
Welche Kräfte dadurch aktiviert werden
- Zentrierung – Das Bewußtsein kehrt in die Mitte zurück. Man verankert sich im Hier und Jetzt, jenseits des äußeren Lärms.
- Harmonisierung – Die beiden Gehirnhälften synchronisieren sich. Emotion und Verstand treten in Gleichklang.
- Innere Schau – Das sogenannte „dritte Auge“ beginnt, auf natürliche Weise zu aktivieren – nicht durch Druck, sondern durch Balance.
- Energetische Reinigung – Das visuelle Kreuzfeld der Augen bündelt Energie im Stirnbereich; dies kann alte Gedankenschleifen lösen.
- Erweckung der Herzlinie – Der Blick, der zur Einheit führt, sendet einen Resonanzimpuls bis ins Herz. Viele spüren eine feine Wärme in der Brust oder eine Schwingung entlang der Wirbelsäule.
Die Alten sagten, diese Übung verbinde den Punkt des Sehens mit dem Punkt des Seins. Wer sie regelmäßig praktiziert, spürt eine zunehmende Ruhe, Klarheit, aber auch ein sanftes Aufglühen innerer Kraft.
Das rechte Sehen
Die Tafeln von Chartres erinnern uns daran, daß Heilung und Erkenntnis nicht durch neue Worte, sondern durch das rechte Sehen geschehen. Zwei Punkte werden zu einem – so kehrt der Mensch zurück zu seiner Quelle. Es ist ein uralter, stiller Akt der Erinnerung an das, was wir sind: ein Wesen zwischen Himmel und Erde, geschaffen, um das Eine in der Zweiheit zu erkennen.
Hier könnt ihr die Tafeln von Chartres direkt herunterladen (PDF).
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