Wir haben die wahre Liebe verlernt

Warum Treue, Nähe und Geborgenheit heilsamer sind, als unsere Zeit wahrhaben will

Liebe

Wir leben in einer Zeit, die beinahe alles beschleunigt hat und dabei ausgerechnet bei jenem Gut ungeduldig geworden ist, welches niemals in Eile entstehen konnte: der Liebe. Menschen begegnen einander, verlieben sich, erleben einige Wochen oder Monate dieses wunderbaren inneren Rausches und glauben, bereits am Ziel angekommen zu sein.

Läßt die erste Glut schließlich nach, wird aus dem Partner plötzlich eine Frage, aus Vertrautheit vermeintliche Langeweile und aus dem ganz normalen Übergang von leidenschaftlicher Verliebtheit zu tiefer Bindung nicht selten die irrige Vorstellung, die Liebe sei verschwunden. Wo frühere Generationen zumindest noch wußten, daß eine große Verbindung erst durch gemeinsam verbrachte Jahre, überwundene Schwierigkeiten und hundertfach erneuerte Entscheidungen ihre eigentliche Tiefe erhält, wird heute mitunter bereits das Ende ausgerufen, sobald das Verliebtsein aufhört, ein tägliches Feuerwerk zu veranstalten.

Dabei beginnt gerade an diesem Punkt etwas, das sehr viel größer und wertvoller sein kann als jener erste Rausch. Verliebtsein ist noch keine vollendete Liebe, sondern ihr mögliches Tor, ein Zustand gewaltiger Anziehung, Sehnsucht, Projektion, Begehren und innerer Bewegung, in welchem der andere Mensch zunächst auch zu einer Leinwand unserer Hoffnungen sowie Wünsche wird. Wahre Liebe dagegen braucht Zeit, weil Wahrheit Zeit braucht; sie muß den Alltag überstehen, Müdigkeit kennenlernen, schlechte Tage sehen, Schwächen aushalten, Enttäuschungen durchqueren und erfahren, wie ein Mensch handelt, wenn gerade nichts romantisch, leicht oder bequem ist.

Erst wenn ein Mensch Deine Fehler kennt, Deinen Trotz erlebt hat, Deine Erschöpfung gesehen, Deine Ängste verstanden und auch jene Seiten von Dir kennengelernt hat, die man bei einem ersten Rendezvous keineswegs stolz auf den Tisch legt, beginnt sich zu zeigen, was eine Verbindung tatsächlich trägt. Wenn zwei Menschen gemeinsam geweint, gestritten, vergeben, aufgebaut, verloren, gehofft und wieder zueinander gefunden haben, wenn sie erlebt haben, daß nicht jede Meinungsverschiedenheit das Ende bedeutet und nicht jede Krise eine Einladung zur Flucht darstellt, dann wächst aus Verliebtheit etwas, das tiefer reicht als bloße Begeisterung: Vertrauen, Verläßlichkeit, Verbundenheit und jene stille Gewißheit, daß dieser Mensch nicht nur die glänzende Fassade liebt, sondern auch den Menschen dahinter.

Unsere heutige Gesellschaft hat diese Fähigkeit zum Bleiben weitgehend verlernt, weil die Logik des Konsums längst nicht mehr nur Waren betrifft, sondern tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen eingedrungen ist. Wir tauschen Geräte, Kleidung oder Möbel aus, sobald etwas Neueres erscheint, und haben uns allmählich daran gewöhnt, auch Menschen unter dem Gesichtspunkt permanenter Optimierung zu betrachten. Irgendwo könnte schließlich noch jemand schöner, aufregender, erfolgreicher, jünger oder vermeintlich passender sein; also hält man Hintertüren offen, vergleicht, prüft, wischt weiter und wundert sich danach, daß kaum noch jene tiefe Geborgenheit entsteht, die überhaupt erst möglich wird, wenn zwei Menschen aufhören, sich gegenseitig als vorläufige Lösungen zu betrachten.

Ein Herz kann sich nicht vollkommen fallenlassen, solange es im Innersten damit rechnen muß, jederzeit ersetzt zu werden, und genau deshalb ist Treue keineswegs eine überholte moralische Forderung aus vergangenen Jahrhunderten, sondern eine der Voraussetzungen für tiefe seelische Entspannung. Wer weiß, daß der Mensch an seiner Seite auch dann bleibt, wenn das Leben schwer wird, daß er nicht bei jedem Streit sofort nach einer Alternative sucht und nicht jedes private Geheimnis bei nächster Gelegenheit gegen ihn verwendet, lebt in einer anderen inneren Grundspannung als jemand, der seine Beziehung permanent auf dünnem Eis empfindet. Geborgenheit ist deshalb nicht bloß romantische Verzierung, sondern eine Botschaft, die bis in den Körper hineinreicht: Hier mußt Du nicht kämpfen, hier mußt Du Deine Rüstung nicht ununterbrochen tragen, hier brauchst Du nicht jeden Tag aufs Neue zu beweisen, daß Du wertvoll genug bist, um morgen noch geliebt zu werden.

Der menschliche Körper lebt nicht unabhängig von der Seele, und auch wenn unsere hoch technisierte Medizin den Menschen gern in einzelne Werte, Organe und Funktionen zerlegt, bleibt er doch ein Ganzes. Chronischer Streß verändert den Organismus, dauernde Unsicherheit hält ihn in Alarmbereitschaft, Einsamkeit und fehlende soziale Bindung können Gesundheit belasten, während vertrauensvolle Nähe, seelische Berührung und stabile Beziehungen regulierend wirken können. Gute Partnerschaften ersetzen weder medizinische Behandlung noch vernünftige Lebensführung, doch sie können einen Lebensraum schaffen, in welchem der Mensch nicht fortwährend gegen Unsicherheit, Verlustangst sowie emotionale Kälte ankämpfen muß; gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen wissen wir längst, daß Streß, soziale Isolation und dauerhafte seelische Belastung keineswegs bedeutungslose Nebensachen sind.

Wer jeden Tag weiß, daß dort ein Mensch ist, der wirklich zu ihm steht, trägt seine Last anders durch die Welt. Gerade ein Mensch, der nach außen viel Verantwortung übernimmt, braucht diesen Ort der Rückkehr, und es gehört zu den merkwürdigen Grausamkeiten unserer Gegenwart, daß Stärke häufig so mißverstanden wird, als dürfe der Starke niemals müde werden. Der Mann soll tragen, entscheiden, schützen, funktionieren, Verantwortung übernehmen und möglichst noch lächeln, wenn ihm das Leben die Rippen bricht; doch selbst der stärkste Mann braucht eine Umarmung, in der er für einen Augenblick keine Festung sein muß, keinen Gegner überzeugen, keine Familie verteidigen und keine Entscheidung treffen muß.

Eine Frau nimmt einem starken Mann nichts von seiner Männlichkeit, wenn sie ihn in einer solchen Stunde hält; im Gegenteil, eine Frau, die seine Verletzlichkeit sehen kann, ohne sie zu verspotten, sie gegen ihn zu verwenden oder daraus eine Schwäche zu konstruieren, besitzt selbst eine Form tiefer Stärke. Sie gibt ihm jenen geschützten Raum, in welchem er seine Rüstung ablegen und Kraft zurückgewinnen kann, während der Mann seinerseits für die Frau jener Ort sein muß, an dem sie sich fallenlassen darf, ohne den Boden fürchten zu müssen. Genau dort beginnt Partnerschaft im eigentlichen Sinne: nicht in einem kleinlichen Gegeneinander, nicht in permanentem Aufrechnen und auch nicht in der Frage, welcher von beiden gerade mehr geleistet hat, sondern in der Erfahrung, daß beide ihre unterschiedlichen Kräfte in einen gemeinsamen Lebensraum hineintragen.

Natürlich darf auch innerhalb einer solchen Beziehung ausgesprochen werden, was fehlt, und natürlich gibt es eine gesunde Gegenseitigkeit. Doch Partnerschaft darf nicht zu einer Buchhaltung der Gefühle verkommen, in welcher jeder Handgriff sofort mit einer Gegenleistung verrechnet wird. Wenn aus Liebe ein ständiges „Ich habe gestern dieses getan, also bist Du heute jenes schuldig“ oder „Was bekomme ich dafür?“ wird, verliert sie gerade jene Großzügigkeit, durch die sie überhaupt lebendig bleibt.

Urmännlichkeit und Urweiblichkeit gehören wieder ins Leben

Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten so weit von den natürlichen männlichen und weiblichen Polen entfernt, daß bereits die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit häufig behandelt werden, als müsse man sich für sie rechtfertigen. Dabei liegt genau darin ein Teil unseres gesellschaftlichen Irrweges, denn Unterschiede zwischen Mann und Frau müssen weder als Kampfansage noch als eine Art Last verstanden werden; sie können vielmehr Ausdruck einer Polarität sein, aus der Anziehung, Ergänzung, Schutz, Fürsorge und gemeinsames Wachstum entstehen.

Urmännlichkeit ist keine grölende Dominanz und kein aufgeblasener Machismo, sondern Verantwortung, Standfestigkeit, Schutzbereitschaft, Mut, Entscheidungskraft und die Fähigkeit, eine Last zu tragen, ohne beim ersten Gegenwind davonzulaufen. Ein wahrhaft starker Mann erniedrigt eine Frau niemals, um sich selbst groß zu fühlen; seine Stärke zeigt sich gerade darin, daß er Sicherheit schaffen kann, ohne Besitzanspruch daraus zu machen, daß er führen kann, ohne zu beherrschen, daß er sein Wort hält und nicht bei der ersten Unbequemlichkeit aus einer gemeinsamen Verantwortung flieht.

Urweiblichkeit wiederum ist keineswegs Schwäche, sondern die wahre Kraft einer Frau. Sie nährt, verbindet, schafft Wärme, bringt Schönheit und Menschlichkeit in Räume, hält Beziehungen zusammen und besitzt jene besondere Fähigkeit, aus vier Wänden ein Zuhause werden zu lassen. Eine Frau, die ihre Weiblichkeit lebt, muß sich dafür nicht rechtfertigen, und unsere Gesellschaft sollte endlich aufhören, traditionelle weibliche Werte so zu behandeln, als handle es sich um Überreste einer primitiven Vergangenheit.

Eine Frau steigert ihre Selbstliebe, wenn sie gerne kocht, ihr Zuhause gestaltet, Kinder großzieht, ihrem Mann Rückhalt gibt sowie durch ihre Fürsorge eine Familie zusammenhält. Sie verrichtet damit keine Arbeit zweiter Klasse, sondern schafft Lebensraum, nährt diesen Lebensraum, trägt Kultur, stärkt Bindung und erfüllt damit eine Aufgabe, ohne die keine Gesellschaft auf Dauer bestehen kann. Gerade diese weiblichen Werte sollten wieder selbstbewußt angenommen werden, nicht verschämt und auch nicht mit der permanenten Erklärung, daß man selbstverständlich noch hundert andere Dinge leisten könne, sondern im klaren Bewußtsein ihres eigenen hohen Wertes.

Selbstverwirklichung besitzt ihren Platz, doch sie darf nicht zu einer Ideologie werden, in welcher Bindung, Fürsorge, Familie wie auch Hingabe nur noch als Hindernisse auf dem Weg zur persönlichen Maximierung erscheinen. Eine Gesellschaft kann nicht gesund bleiben, wenn jeder ausschließlich sich selbst verwirklichen, niemand mehr Verantwortung füreinander tragen und jeder seine Freiheit vor allem darin erkennen will, möglichst wenige dauerhafte Verpflichtungen einzugehen. Freiheit ohne Bindungsfähigkeit wird irgendwann zur Vereinzelung, und eine Kultur, die Fürsorge geringschätzt, sägt am eigenen Fundament.

Wir brauchen deshalb nicht weniger Weiblichkeit, sondern mehr davon; ebenso brauchen wir keine Männer, die sich für Standfestigkeit, Urmännlichkeit, Schutzbereitschaft sowie Verantwortungsgefühl entschuldigen, sondern Männer, deren Stärke Charakter besitzt. Mann und Frau sind im natürlichen Dasein nicht füreinander geschaffen, um gegeneinander anzutreten oder einander ihren Wert zu beweisen; sie erhöhen einander, ergänzen ihre Kräfte und erschaffen gemeinsam etwas, das keiner von beiden allein auf dieselbe Weise hätte hervorbringen können.

Wahre Liebe wächst mit den Menschen

Eine Partnerschaft, die über Jahre gewachsen ist und zwei Menschen im Innersten miteinander verbindet, darf niemals zum Gefängnis werden; ebenso wenig darf persönliches Wachstum als Vorwand dienen, diese Bindung bei der ersten Veränderung geringzuschätzen oder vorschnell aufzugeben. Zwei Menschen verändern sich in zwanzig oder dreißig gemeinsamen Jahren zwangsläufig, und genau darin liegt kein Mangel, sondern eine der größten Chancen einer langen Liebe. Der Mensch, den man mit fünfundzwanzig kennengelernt hat, ist mit fünfundfünfzig nicht mehr derselbe, und man selbst ist es ebenfalls nicht; man trägt andere Erfahrungen, andere Narben, andere Erkenntnisse als auch andere Fragen in sich, und eine reife Liebe besteht gerade darin, sich ebenso in diesen Veränderungen immer wieder neu kennenzulernen.

Wahre Liebe bedeutet deshalb keinesfalls, einen Menschen einzufrieren und darauf zu bestehen, daß er für immer so bleiben möge wie am ersten gemeinsamen Sommerabend, sondern seine Entwicklung zu begleiten, seine neuen Gedanken zu entdecken, seine veränderten Träume ernst zu nehmen und immer wieder jenen Menschen zu suchen, der unter den Schichten der gemeinsam gelebten Jahre weiterlebt. Im besten Falle verliebt man sich nicht nur einmal ineinander, sondern immer wieder neu, manchmal laut wie gleichermaßen leidenschaftlich, manchmal ganz leise, wenn ein vertrauter Blick plötzlich etwas entzündet, das unter dem Alltag verborgen lag.

Auch nach zwanzig oder dreißig Jahren kann man sich verabreden, miteinander tanzen, lange Nächte durchreden, gemeinsam kochen, reisen, Briefe schreiben, sich bewußt in der Seele berühren und den anderen wieder mit jener Aufmerksamkeit ansehen, die am Anfang selbstverständlich erschien. Liebe stirbt nicht an der Zeit, sondern viel häufiger an Vernachlässigung, Gleichgültigkeit und einem modernen Zeitgeist, in welchem es völlig normal erscheint, alles aus seinem Leben zu werfen, was anstrengend, unbequem oder fordernd geworden ist.

Ein Feuer brennt schließlich auch nicht dreißig Jahre lang, weil man es irgendwann einmal entzündet hat; es lebt, weil immer wieder Holz nachgelegt, Glut geschützt sowie Asche beiseitegeschoben wird. Genau so muß auch eine Liebe immer wieder genährt werden, nicht weil sie schwach wäre, sondern weil alles Lebendige Zuwendung braucht.

Wenn Sexualität zur Ware wird, verliert Intimität ihre Tiefe

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, welche den Menschen mit sexuellen Reizen bombardiert und diese permanente Überreizung anschließend gern als Freiheit verkauft. Pornographie ist jederzeit verfügbar, Körper werden bewertet, verglichen, sortiert und in Sekundenschnelle weggewischt, während Datingplattformen Menschen in eine Logik der endlosen Auswahl hineinziehen, in der hinter jedem Gesicht bereits das nächste wartet. Die Folge ist nicht nur eine Veränderung unserer Gewohnheiten, sondern auch unseres Blickes auf Intimität, denn ein Mensch, der sich permanent an neue Reize gewöhnt, läuft Gefahr, auch Nähe zunehmend unter dem Gesichtspunkt des Konsums zu betrachten.

Die Sexindustrie lebt nicht davon, daß ein Mensch irgendwann satt und erfüllt ist, sondern davon, daß er weiterklickt, weitersucht und immer neue Reize verlangt. Genau darin liegt ihr geistiges Gift: nicht in Sexualität selbst, denn Sexualität gehört zu den kraftvollsten und schönsten menschlichen Erfahrungen, sondern in ihrer Entheiligung, ihrer Reduktion auf konsumierbare Körper, kurzfristige Erregung. Aus Begegnung wird Ware, aus Sehnsucht wird Reizhunger und aus dem einzigartigen Körper eines geliebten Menschen nur noch eine Möglichkeit unter unzähligen anderen.

Was geschieht mit der Ehrfurcht vor einem Menschen, wenn tausend andere Körper nur einen Fingerstreich entfernt sind, und was geschieht mit einer Partnerschaft, wenn Begehren immer weniger mit Vertrauen, Geschichte, Nähe und gemeinsamem Erleben verbunden wird? Genau darüber müssen wir sprechen, weil Sexualität niemals nur Mechanik war. Sie kann Sprache sein, Hingabe, Vertrauen, Verbundenheit und jene vollständige Öffnung vor einem Menschen, bei dem man keine Angst haben muß, daß die eigene Verletzlichkeit am folgenden Morgen bedeutungslos geworden ist.

Eine Gesellschaft, die Sexualität immer schriller inszeniert, aber zugleich immer größere Schwierigkeiten mit wirklicher Nähe entwickelt, sollte sich fragen, ob sie tatsächlich freier geworden ist oder lediglich reizabhängiger – innerlich geradezu leer.

Wir brauchen die Romantik zurück

Auch die Romantik wurde in unserer Zeit lächerlich gemacht, als seien Blumen, Briefe, kleine Gesten, Sehnsucht, Treue, Traditionen oder ein gemeinsam gestalteter Abend bloß sentimentale Überreste einer vergangenen Epoche. Dabei ist Romantik nichts anderes als die Weigerung, den geliebten Menschen selbstverständlich werden zu lassen, und genau deshalb benötigen wir sie dringender denn je. Wahre Romantik war schon immer zeitlos und wird es auch immer bleiben.

Wahre Romantik besteht nicht aus jener künstlichen Kulisse, welche Werbung und Hochglanzbilder verkaufen, sondern aus Aufmerksamkeit. Sie fragt danach, wie der andere heute lacht, was ihn beschäftigt, wovor er sich fürchtet, welchen Traum er begraben hat und wann man einander zuletzt wirklich angesehen hat, anstatt nur gemeinsam auf irgendeinen Bildschirm zu starren. Nach dreißig Jahren einen Menschen noch immer neugierig betrachten zu können, ihm eine Freude zu bereiten, ohne daß ein Geburtstag oder Jahrestag dazu zwingt, und gemeinsam Augenblicke zu schaffen, die aus dem Funktionieren wieder Leben machen, ist sehr viel romantischer als jede künstlich arrangierte Inszenierung.

Gerade darin liegt ein leiser Widerstand gegen unsere Zeit, denn einem einzigen Menschen wirklich zuzuhören, während tausend andere Stimmen um Aufmerksamkeit schreien, ist inzwischen beinahe revolutionär. Wer sich bewußt entscheidet, einen Menschen immer wieder neu zu sehen, statt ununterbrochen nach dem nächsten zu suchen, setzt der Austauschbarkeit etwas entgegen, das unsere Gesellschaft dringend benötigt: Tiefe.

Der Mensch braucht Bindung

Der Mensch kann allein leben, und zeitweilige Einsamkeit kann sogar notwendig sein, um sich selbst zu begegnen, Gedanken zu ordnen und die eigene innere Stimme wieder wahrzunehmen. Doch der Mensch ist im Regelfall nicht für dauerhafte seelische Vereinzelung geschaffen, denn wir sind aus Bindung hervorgegangen, wachsen durch Beziehung und benötigen Zugehörigkeit, Berührung, Anerkennung und das Gefühl, für jemanden von wirklicher Bedeutung zu sein. Außerdem sind Familienstrukturen das Herz einer jeden Gesellschaft und tragen dazu bei, die menschliche Art am Leben zu erhalten.

Man muß nur offenen Auges durch unsere Zeit gehen, um zu erkennen, wie viel innere Not sich hinter dem demonstrativen Satz verbirgt, man brauche niemanden. Nicht jede Unabhängigkeit ist Stärke; bisweilen ist sie lediglich eine sorgfältig gebaute Rüstung, unter der alte Enttäuschungen, Angst vor neuer Verletzung oder die Resignation eines Menschen verborgen liegen, der sich irgendwann eingeredet hat, Bindung sei gefährlicher als Einsamkeit.

Die zunehmende Härte in sozialen Netzwerken, die Freude am Scheitern anderer, der Neid auf glückliche Beziehungen und jene beinahe fiebrige Aggressivität, mit der fremdes Glück bisweilen kommentiert wird, entstehen gewiß nicht ausschließlich aus Einsamkeit, doch sie zeigen eine Gesellschaft, deren seelische Bindungskräfte erheblich gelitten haben. Wo Menschen sich nicht mehr getragen fühlen, wo Gemeinschaft zerfällt und Partnerschaft nur noch als vorläufiger Zustand gilt, wächst leichter jene innere Kälte, in der jeder gegen jeden steht und das Glück des anderen nicht mehr inspiriert, sondern als persönliche Kränkung empfunden wird.

Natürlich benötigt nicht jeder Mensch dieselbe Lebensform, doch Menschen benötigen Bindung, sei es in Familie, Freundschaft, Gemeinschaft oder Partnerschaft. Für sehr viele Männer und Frauen gehört gerade die tiefe Liebesbeziehung zu den stärksten Formen dieser Verbindung, und wir sollten endlich aufhören, den Wunsch nach einem Menschen, bei dem man ankommen kann, als Bedürftigkeit oder mangelnde Selbständigkeit abzuwerten.

Es ist menschlich, lieben zu wollen, gehalten werden zu wollen und einen Ort zu suchen, an dem man heimkehren kann; gerade eine Gesellschaft, die diesen Wunsch lächerlich macht, sollte sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen äußerlich unabhängig wirken und innerlich verhärten.

Loyalität ist das Rückgrat der Liebe

Ohne Loyalität kann Liebe niemals jene Tiefe erreichen, von der hier die Rede ist, denn wie soll sich ein Mensch vollkommen öffnen, wenn er befürchten muß, daß jedes Geheimnis später gegen ihn verwendet wird, jede Schwäche zum Gegenstand eines Streites werden kann, jeder Fehler sofort die gesamte Beziehung in Frage stellt? Loyalität bedeutet nicht blinde Unterwerfung und auch nicht, zerstörerisches Verhalten hinzunehmen, sondern daß ein Mensch Charakter über Opportunismus stellt und sich nicht nur dann zu einem anderen bekennt, wenn alles leicht und vorteilhaft ist.

Loyalität heißt, daß ich nicht nur neben Dir stehe, solange Du glänzt, daß ich Deinen Namen nicht beschmutze, sobald Du den Raum verlassen hast, daß ich Probleme zuerst mit Dir und nicht mit einer halben Öffentlichkeit bespreche, daß ich Deine Verletzlichkeit nicht als Munition verwende und daß ich nicht beim ersten Zweifel nach Ersatz suche. Sie bedeutet, daß eine Bindung Gewicht besitzt und daß Treue nicht davon abhängt, ob gerade eine bequemere Möglichkeit vorbeikommt.

Gerade diese Haltung fehlt heute nicht nur vielen Partnerschaften, sondern zunehmend auch unserer Gesellschaft. Freundschaften werden nach Nutzen bewertet, Überzeugungen nach Applaus gewechselt und Beziehungen so lange gepflegt, wie sie einen unmittelbaren Vorteil versprechen; dabei kann keine Gemeinschaft dauerhaft bestehen, wenn jeder ausschließlich fragt, was für ihn selbst herausspringt.

Eine gesunde Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen wieder lernen, füreinander einzustehen, auch wenn sie nicht in jedem Punkt derselben Meinung sind. Loyalität bedeutet nicht Gleichförmigkeit, sondern die Fähigkeit, Verbundenheit höher zu stellen als eine momentane Differenz, einen Menschen nicht bei jedem Gegenwind fallen zu lassen.

Liebe besitzt eine geistige und spirituelle Dimension

Wer den Menschen ausschließlich als biologische Maschine betrachtet, wird Liebe irgendwann auf Hormone, Neurotransmitter sowie evolutionäre Mechanismen reduzieren können, doch er hat damit noch längst nicht erklärt, was zwei Menschen tatsächlich miteinander erleben. Die chemische Zusammensetzung von Tinte erklärt schließlich auch nicht den Sinn eines Gedichtes, und ebenso wenig kann eine Aufzählung körperlicher Vorgänge die gesamte Tiefe jener Verbindung erfassen, die zwischen zwei Menschen über Jahrzehnte entsteht.

Wenn zwei Menschen lange miteinander leben, teilen sie weit mehr als einen Haushalt. Sie teilen Zeit, und Zeit ist nichts anderes als ein Stück ihres Lebens. Sie schlafen nebeneinander ein, erleben Krankheit, Gesundung, Freude und Verlust, Erfolg und Scheitern, Sommer und Winter, Hoffnung und Enttäuschung; ihre Stimmen werden einander vertraut, ihre Bewegungen bekannt, ihre Gegenwart verändert Räume, und irgendwann entstehen zwischen ihnen Erinnerungsräume, Gesten sowie Formen des Verstehens, für die kaum noch Worte notwendig sind.

Zwei Menschen, die einander wahrhaft lieben, erschaffen zwischen sich einen Raum, der vor ihrer Begegnung nicht existierte. Man kann ihn Seele nennen, Verbundenheit, Energie, geistiges Band oder schlicht Liebe; entscheidend ist nicht der Begriff, sondern die Erfahrung, daß die Anwesenheit eines bestimmten Menschen etwas im eigenen Wesen verändert. Eine Stimme kann beruhigen, eine Berührung kann eine ganze innere Landschaft verändern, ein Blick kann ohne ein einziges Wort vermitteln, daß man verstanden wurde.

Gerade unsere alten Kulturen wußten darum, daß ein Bund mehr bedeutet als momentanes Begehren. Sie schufen Rituale, Versprechen und Symbole, weil sie verstanden, daß Bindung nicht nur privates Gefühl, sondern etwas Schutzwürdiges ist. Unsere moderne Welt hat vieles davon entheiligt und nennt das gern Fortschritt, doch tief im Menschen lebt noch immer dieselbe Sehnsucht nach Vertrauen, Zugehörigkeit sowie einem Gegenüber, bei dem die eigene Seele nicht ständig auf der Hut sein muß.

Wir müssen wieder den Mut haben, zu bleiben

Es braucht heute beinahe mehr Mut, sich wirklich an einen Menschen zu binden, als unverbindlich durch zahllose Beziehungen zu ziehen, denn eine echte Entscheidung bedeutet immer auch, auf andere Möglichkeiten zu verzichten. Gerade deshalb besitzt sie Wert. Wer sich niemals entscheiden will, hält zwar alle Türen offen, lebt aber unter Umständen sein ganzes Leben auf dem Flur.

Wahre Liebe sagt nicht, daß der andere vollkommen sei, daß niemals wieder ein attraktiver Mensch den eigenen Weg kreuzen werde oder daß das gemeinsame Leben ohne Krisen verlaufen müsse. Sie sagt vielmehr: Unter Milliarden Menschen habe ich mich entschieden, mit Dir etwas aufzubauen, das größer werden soll als ein augenblicklicher Reiz, und ich bin bereit, daran zu arbeiten, wenn das Leben uns prüft.

Das ist in einer Epoche der Austauschbarkeit beinahe eine radikale Haltung.

Wir müssen die Liebe deshalb nicht neu erfinden, sondern uns ihrer wieder erinnern. Wir müssen Männern wieder zutrauen, Männer mit Haltung, Verantwortungsgefühl, Schutzbereitschaft und innerer Kraft zu sein, und Frauen wieder ermutigen, jene Wärme, Fürsorge, familiäre Bindungskraft und Weiblichkeit selbstbewußt anzunehmen, die Generationen getragen hat. Wir müssen aufhören, Treue als altmodisch, Hingabe als Schwäche oder Maßlosigkeit als Freiheit zu verkaufen, und wir müssen wieder lernen, eine Liebe nicht nur zu beginnen, sondern sie zu erhalten, zu vertiefen und immer wieder neu zu entzünden.

Nach zehn Jahren, nach zwanzig Jahren und ebenso nach dreißig Jahren darf ein Mann seine Frau noch ansehen und etwas in ihr entdecken, das ihn berührt; eine Frau darf ihren Mann noch immer mit jener Wärme empfangen, die ihm sagt, daß er nicht nur irgendwo wohnt, sondern zuhause ist. Beide dürfen sich daran erinnern, warum sie einander gewählt haben, und zugleich neugierig darauf bleiben, wer der andere inzwischen geworden ist.

Denn am Ende besteht ein erfülltes Leben keineswegs nur aus den Orten, die wir gesehen, den Dingen, die wir erworben oder den Erfolgen, die wir vorzuweisen haben. Es besteht in hohem Maße aus Menschen, bei denen unsere Seele ihre Rüstung ablegen durfte, aus Armen, in denen wir für einen Augenblick nicht stark sein mußten, aus Augen, die uns noch erkannten, als wir uns selbst kaum wiederfanden, und aus einer Hand, die noch da war, als es ringsum dunkel wurde.

Das ist jene Liebe, die bleibt, und genau darin liegt ihre heilsame Kraft. Nicht weil sie ein Wundermittel wäre, sondern weil ein Mensch anders lebt, wenn er sich geliebt, getragen, berührt, gebraucht sowie gleichermaßen geborgen weiß; er geht anders durch Krisen, trägt seine Lasten anders und muß nicht jede Schlacht allein schlagen.

Der Puls der Welt mag draußen immer schneller werden, die Menschen mögen weiter durch Bilder, Reize, Möglichkeiten und austauschbare Begegnungen oberflächlich hetzen, doch irgendwo muß es wieder Orte geben, an denen man nicht optimiert, verglichen oder bewertet wird, sondern einfach Mensch sein darf.

Und womöglich liegt darin eine der größten Heilkräfte, die unsere Zeit beinahe vergessen hat: nicht immer weiterzusuchen, sondern den Mut zu besitzen, einen Menschen wirklich kennenzulernen, mit ihm zu wachsen, ihn immer wieder neu zu lieben und am Ende sagen zu können: Wir sind geblieben.

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Über Lebensfunken Redaktion 80 Artikel
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